* vor 1870
So sei dies Herz denn
scheidend ausgegossen
Und fülle wärmend Wipfel,
Kelch und Halm.
Seid mir gegrüßt, der Unschuld
Spielgenossen;
Ich kehre heim aus Neid und
Haß und Qualm.
Dem Bergeshauch wogt meine
Brust entgegen
Und meine Arme breit’ ich schattend aus;
Am Mutterschoße saugt mein
Adersegen
Und alle Unrast flieht ins
Sturmgebraus.
Dort mag der finstre Wahn die
Schwingen breiten;
Die Meereswelle peitscht mein
dunkler Zorn;
Die Friedenswolken mag mein
Traum geleiten,
Mein Sinnn tränkt den goldnen
Himmelsborn;
Und alle Weisheit, die den
Witz gekettet,
Sei in der Blume stillen Schoß
gebettet.
* vor 1870
Frisch in des Daseins Wechsel
mich zu stürzen,
Der Pulse Protheus, tauschend
Form um Form,
Voll Ungeduld, die Proben
abzukürzen,
Wild überschäumend wider jede
Norm;
Mitjauchzen im geheiligten
Orkane
Und donnernd stäuben über
Felsgeklüft,
Im Sturmgewölk verdunkeln
Ozeane
Und sonnig heitern über hoher
Trift:
Fahr hin, o Weisheit,
schmelzendes Gewissen!
Ich opfre lachend dich dem
dunklern Los.
Verwehe, Spruch, sei,
Pergament, zerrissen;
Ich kehre heim zum
mütterlichen Schoß
Im Bad der Elemente mich
verjüngen
Und Kampf und Buhlschaft ihnen
abzuzwingen.
* vor 1870
Die Berge sonnen sich in
Lenzverklärung;
Sie sind dein Antlitz,
waltende Natur!
Der Überfülle strömende
Gewährung
Und schreckenvoller Öde wüste
Spur.
Allmächtige Semiramis!
Beschausam
Dehnst du des Götterleibes
Glieder hin.
Der Urlust Träume, wonnevoll und
grausam,
Erquellen dir aus blauem
Baldachin.
Ein Blick von dir aus vollem
Augensterne
Läßt unsre Armut stumm im All
vergehn;
Und lächelst du im Schlaf aus
Traumesferne,
Formt sich in süßer Qual ein
Auferstehn.
Erhabne Sphinx! Ein Meer
gepaarter Lüste
Erschwillt beseelt um deine
Weltenbrüste.
* vor 1870
Ich teile, Fakir, deines
Schauns Entzückung;
Auch mich beseelt des
Weltenherzens Schlag.
Es schwand mein Selbst in
seliger Entrückung
Und träumend fließt der längstgewußte
Tag.
Mein Schmerz befährt des
Äthers stille Meere
Und meine Freude füllt die
Himmel aus.
Ich trage aller Herzen Schmach
und Ehre
Und lösche ihres Makels Male
aus.
Im Körnlein schläft die
wolkenhohe Zeder
Und schüttet Brüder aus dem
Laubgewind.
Der Glanz der Sterne fließt
durch mein Geäder
Und segnet ihrer Strahlen
schwaches Kind.
Herz aller Herzen, dauernd,
teilsam eines,
Aus tausend Augen schaust du
Ewigdeines.
* vor 1870
Der Undank schändet stets des
Menschen Trachten.
Nie wird der Mitte heilig Maß
verehrt.
Kaum ist gestillt der
Sehnsucht dürres Schmachten,
Schon wird die Saat vom
Übermut verheert.
Die Lust wird Last, wenn er
sie sicher wähnet,
Und treue Liebe reizt zum
Folterspiel.
Umworbenster Besitz, er wird
begähnet,
Und Wechsel heißt der Laune
Gaukelziel.
Der Gaben Füllhorn, strömend
ausgeschüttet,
Ersättigt es den steten Darber
Neid?
Von Durst nach Gold und Macht
und Ruf zerrüttet
Sieht er den Mangel in der
Fülle Kleid.
O Menschenpuppe! Lehm
verschlammter Gossen!
Dich knetete ein Gott zu
Nachttischpossen.
* vor 1870
I.
Ich fühle Schuld durch mein
Geblüte rinnen,
Uralten Frevel, schwer,
unabgebüßt.
Ein Fluch begeistert jegliches
Beginnen
Und legt die Spur des trägen
Pfluges wüst.
Es kreist wie Gift im Netze
meiner Adern
Und auf Verräterpfaden
schleicht ans Herz,
Benagt der Zuversicht granitne
Quadern,
Belegt mit Rost des Glaubens
blankes Erz.
Verhüllt im Flor des frühen
Jugendleides
Tritt ein Gespenst an meinen
heißen Pfühl.
Er wühlt ihn auf, den Krampf
des Eingeweides,
Und peitscht die Träume bang
und fieberschwül.
O Hand von Eis, du wirst zur
Faust von Eisen
Und läßt Erbarmen mich an
Teufeln preisen.
II.
Entschleire dich, du schweigendes
Verbrechen!
Sie blickt mich an, die
ernste, schwere Schuld.
Gebrochner Eid? verfallenes
Versprechen?
Vergoss’nes Blut? was bringt
mich um die Huld?
Ich fühl’ es wohl, sie reicht
in fernste Zeiten,
Sie ruht im Schoß der ernsten
Ewigkeit,
Vom Neid erregt als grimmiges
Bestreiten
Getrübt den Spiegel tiefer
Seligkeit.
Da zog die Walstatt sich ins
Ungeheure,
Des Sternenhimmels Funken
sprühten auf,
Und Mann und Weib umarmten
sich als Teure,
Und wechselnd stürmte hin des
Glückes Lauf.
Da war’s, daß ich, vom Wirbel
mitgerissen,
Mich bang verlor in schwülen
Finsternissen.
III.
Das Schattenreich
erfinderischer Qualen,
Mit allen Foltern Witz,
heroben ist’s.
Irions Rad, der schlimmen
Bräute Schalen,
des Klüglings Block, die Wolke
des Gelüsts,
Erhabnes Schmachten um ein
äffend Leeres
Und schnöder Geierfraß an
hohem Sein: -
Im Herzenskampf, im Sturm des
Völkermeeres,
Wer fühlt sie nicht, wer
deutet nicht die Pein?
Die sich zum Abgrund einst
herniederschwangen,
Abtrünnige des Lichts, vom
Fluch gesäugt,
Bis Frevel sich und Buße so
verschlangen,
Daß stets das Kind die
finstern Eltern zeugt:
Dies sind wir alle, Gift in
unsern Adern,
Im Haupte Trug, im herzen
krankes Hadern.
* vor 1870
Lisch aus die Lampe, Schatte unter
Schatten!
Wer spricht das Rätselwort des
Daseins aus?
Der Morgen naht auf
goldgeblümten Matten
Und fragend tritt die Pflicht
ins helle Haus.
Was soll des Zweifels
tiefgefurchte Blässe?
Des Grames Zirkel, der den
Blick umringt?
Den Hammer schwinge hoch an
loher Esse,
Der dir ein Lied von Glück und
Freiheit singt.
Die Nacht erklingt vom
Werdesang der Geister,
Es prägt der Tag das Schicksal
in Gestalt.
Die Woge trägt, sei dir die
Helle Meister;
Sie töne dir von eigenstem
Gehalt
Und forme dir, beseelt vom
Ungewissen,
Den Traum der Welt zu tätigem
Genießen.
* vor 1870
Ist Leid und Lust so strenge
denn geschieden,
Wie Lieb’ und Haß, Tag, Nacht,
wie Pflug und Schwert?
Es glättet sich der Gram zu
tiefem Frieden,
Wie sich der Wassersturz zum
Weiher klärt.
Die Freude wirft die Münzen in
die Menge,
Der Gram vertraut dir eines
Schiffbruchs Gut.
O wüßtest du, entfremdet dem
Gedränge
Wie sich’s am Saume stiller
Haine ruht!
Der Wipfel Hauch, des Himmels
reine Blicke,
Sie lindern meiner Wehmut
Überschwang;
Zu Wolken wandeln sich der
Welt Geschicke
Und perlend schmilzt des
Busens Tränendrang
Und süße Schauer webend in die
Klarheit
Besucht die Göttin mich, die
scheue wahrheit.
* vor 1870
Du Sommerschwalbe an des
Kerkers Gitter,
Du Wehenkind, geschmiegt zur
Zeugerbrust:
Bangt dir, o Lied, vor nahem
Ungewitter?
Suchst du der warmen Küsse
Segenslust?
Du bringst die Blume, die dein
Glück gefunden
Am stillen Waldsaum, duftend,
taugetränkt.
Was soll der Lorbeer, der, dem
Neid entwunden,
Sich spät auf wehdurchpochte
Schläfen senkt?
Mag graues Haar den Scheitel
mir umwallen,
Du bleibst so jung wie Lenz
und Sonnenlicht.
Mag dieser morsche Bau in
Trümmer fallen,
Wenn deine Schwinge sich in
Äther flicht.
Du trägst mein Herz, du
rettest die Gedanken,
Wenn diese Glieder längst in
Staub versanken.
* vor 1870
Das Meer des Kampfs, die Wüste
der Betrachtung
Hat mich gebräunt, die Woge
mich getauft.
Der Sturmbraut Freier auf dem
Boot Verachtung
Trotzt’ ich der Wüt, die
schäumend Segel rauft.
Ich zog geblendet durch der
Öde Feier;
Die Trugfee äffte meines
Gaumens Brand,
Des Zweifels Samum zog dem
Himmel Schleier,
Bis ich verschmachtend mich im
Staube wand.
Lebt wohl, der Stürme Heimat,
Luftphantome;
Der dunklen Erde hab’ ich mich
vermählt.
Ich netze Blumen aus dem
milden Strome,
Des Grabes Schmuck, der meine
Fahrt erzählt.
O Nachtigall, besuche die
Zypresse
Und lehre Müde, wie man süß
vergesse.
* vor 1870
Was hilft das Glück, wenn sich
die Pendel wiegen
Und Uhren emsig fügen Rad in
Rad?
Metall der Stunde, hast du je
geschwiegen?
Was hemmte je der grimmen
Sense Mahd?
Des herzens Feder muß dereinst
erschlaffen;
Des Triebes Werk wird ächzend
krank und alt;
Ein dumpfer Schlag – und aus
Genuß und schaffen,
Und stockende Gewichte melden
Halt.
O Mumie des Glücks! O
Liebesasche!
Gibt es für Sarg und Urne
Frühlingswehn?
Trennst du, o Zeit, erneuernd
Masch’ um Masche,
Penelope des Schicksals,
anzuflehn?
Dann webe wieder mir hinein
die Stunden,
Die Ewigkeiten Brust an Brust
empfunden.
* vor 1870
Was ist die Seligkeit? Ein
Sonnenfriede,
Der Weihe gießt auf Macht und
Wohlgestalt;
Die Harmonie im hohen
Sphärenliede,
Die aus geklärten Herzen
widerhallt.
O Nektar tafelfroher
Götterwonne!
Was ist der Trank, den uns die
Erde stürzt?
Ein trüb Gemisch, geschöpft
aus tiefer Tonne
Des Leides, die ein Krug der
Lust gewürzt.
Sein Taumel Wahnsinn, Reue
seine Hefe:
Mänaden und Lemuren wild im
Tanz.
So zecht denn zu, bis an der
heißen Schläfe
Zu edlem Moder fault der
Torenkranz.
Mich aber dürstet nach
kristallner Klarheit,
Nach einem Lauterborn der
Lieb’ und Wahrheit.
* vor 1870
Dem Himmel ward dein erstes
selbst entnommen,
Dem süßen Rausche, wenn der
Nektar kreist.
Durch goldne Wolken kam’s
herangeschwommen,
Ein stürmisch Herz, ein
maienfrischer Geist.
Erkennst du dich im grauen
Staube wieder,
Auf rauhem Pfad, an
schwindeltiefem Rand?
Wo ist der Seele schwellendes
Gefieder?
Wo ist des Äthers leichtes
Dunstgewand?
Den Sternen nah, der grausen
Tiefe näher,
Blickst du hinab, hinauf, der
Hoffnung bar.
Das hohen Ursprungs
muterfüllter Seher
Gedenke dessen, der dein Ahne
war.
Er ist dir nah, bald ist der
Kreis geschlossen,
Reicht dir die Hand und ist in
Licht zerflossen.