Georg Albert                          Enteignung

* vor 1870

So sei dies Herz denn scheidend ausgegossen

Und fülle wärmend Wipfel, Kelch und Halm.

Seid mir gegrüßt, der Unschuld Spielgenossen;

Ich kehre heim aus Neid und Haß und Qualm.

 

Dem Bergeshauch wogt meine Brust entgegen

Und  meine Arme breit’ ich schattend aus;

Am Mutterschoße saugt mein Adersegen

Und alle Unrast flieht ins Sturmgebraus.

 

Dort mag der finstre Wahn die Schwingen breiten;

Die Meereswelle peitscht mein dunkler Zorn;

Die Friedenswolken mag mein Traum geleiten,

Mein Sinnn tränkt den goldnen Himmelsborn;

 

Und alle Weisheit, die den Witz gekettet,

Sei in der Blume stillen Schoß gebettet.

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Dem Element zurückgegeben

* vor 1870

Frisch in des Daseins Wechsel mich zu stürzen,

Der Pulse Protheus, tauschend Form um Form,

Voll Ungeduld, die Proben abzukürzen,

Wild überschäumend wider jede Norm;

 

Mitjauchzen im geheiligten Orkane

Und donnernd stäuben über Felsgeklüft,

Im Sturmgewölk verdunkeln Ozeane

Und sonnig heitern über hoher Trift:

 

Fahr hin, o Weisheit, schmelzendes Gewissen!

Ich opfre lachend dich dem dunklern Los.

Verwehe, Spruch, sei, Pergament, zerrissen;

Ich kehre heim zum mütterlichen Schoß

 

Im Bad der Elemente mich verjüngen

Und Kampf und Buhlschaft ihnen abzuzwingen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Die Natur

* vor 1870

Die Berge sonnen sich in Lenzverklärung;

Sie sind dein Antlitz, waltende Natur!

Der Überfülle strömende Gewährung

Und schreckenvoller Öde wüste Spur.

 

Allmächtige Semiramis! Beschausam

Dehnst du des Götterleibes Glieder hin.

Der Urlust Träume, wonnevoll und grausam,

Erquellen dir aus blauem Baldachin.

 

Ein Blick von dir aus vollem Augensterne

Läßt unsre Armut stumm im All vergehn;

Und lächelst du im Schlaf aus Traumesferne,

Formt sich in süßer Qual ein Auferstehn.

 

Erhabne Sphinx! Ein Meer gepaarter Lüste

Erschwillt beseelt um deine Weltenbrüste.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Weltseele

* vor 1870

Ich teile, Fakir, deines Schauns Entzückung;

Auch mich beseelt des Weltenherzens Schlag.

Es schwand mein Selbst in seliger Entrückung

Und träumend fließt der längstgewußte Tag.

 

Mein Schmerz befährt des Äthers stille Meere

Und meine Freude füllt die Himmel aus.

Ich trage aller Herzen Schmach und Ehre

Und lösche ihres Makels Male aus.

 

Im Körnlein schläft die wolkenhohe Zeder

Und schüttet Brüder aus dem Laubgewind.

Der Glanz der Sterne fließt durch mein Geäder

Und segnet ihrer Strahlen schwaches Kind.

 

Herz aller Herzen, dauernd, teilsam eines,

Aus tausend Augen schaust du Ewigdeines.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Menschenlehm

* vor 1870

Der Undank schändet stets des Menschen Trachten.

Nie wird der Mitte heilig Maß verehrt.

Kaum ist gestillt der Sehnsucht dürres Schmachten,

Schon wird die Saat vom Übermut verheert.

 

Die Lust wird Last, wenn er sie sicher wähnet,

Und treue Liebe reizt zum Folterspiel.

Umworbenster Besitz, er wird begähnet,

Und Wechsel heißt der Laune Gaukelziel.

 

Der Gaben Füllhorn, strömend ausgeschüttet,

Ersättigt es den steten Darber Neid?

Von Durst nach Gold und Macht und Ruf zerrüttet

Sieht er den Mangel in der Fülle Kleid.

 

O Menschenpuppe! Lehm verschlammter Gossen!

Dich knetete ein Gott zu Nachttischpossen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Nachtgespenster

* vor 1870

 

I.

 

Ich fühle Schuld durch mein Geblüte rinnen,

Uralten Frevel, schwer, unabgebüßt.

Ein Fluch begeistert jegliches Beginnen

Und legt die Spur des trägen Pfluges wüst.

 

Es kreist wie Gift im Netze meiner Adern

Und auf Verräterpfaden schleicht ans Herz,

Benagt der Zuversicht granitne Quadern,

Belegt mit Rost des Glaubens blankes Erz.

 

Verhüllt im Flor des frühen Jugendleides

Tritt ein Gespenst an meinen heißen Pfühl.

Er wühlt ihn auf, den Krampf des Eingeweides,

Und peitscht die Träume bang und fieberschwül.

 

O Hand von Eis, du wirst zur Faust von Eisen

Und läßt Erbarmen mich an Teufeln preisen.

 

 

II.

 

Entschleire dich, du schweigendes Verbrechen!

Sie blickt mich an, die ernste, schwere Schuld.

Gebrochner Eid? verfallenes Versprechen?

Vergoss’nes Blut? was bringt mich um die Huld?

 

Ich fühl’ es wohl, sie reicht in fernste Zeiten,

Sie ruht im Schoß der ernsten Ewigkeit,

Vom Neid erregt als grimmiges Bestreiten

Getrübt den Spiegel tiefer Seligkeit.

 

Da zog die Walstatt sich ins Ungeheure,

Des Sternenhimmels Funken sprühten auf,

Und Mann und Weib umarmten sich als Teure,

Und wechselnd stürmte hin des Glückes Lauf.

 

Da war’s, daß ich, vom Wirbel mitgerissen,

Mich bang verlor in schwülen Finsternissen.

 

 

III.

 

Das Schattenreich erfinderischer Qualen,

Mit allen Foltern Witz, heroben ist’s.

Irions Rad, der schlimmen Bräute Schalen,

des Klüglings Block, die Wolke des Gelüsts,

 

Erhabnes Schmachten um ein äffend Leeres

Und schnöder Geierfraß an hohem Sein: -

Im Herzenskampf, im Sturm des Völkermeeres,

Wer fühlt sie nicht, wer deutet nicht die Pein?

 

Die sich zum Abgrund einst herniederschwangen,

Abtrünnige des Lichts, vom Fluch gesäugt,

Bis Frevel sich und Buße so verschlangen,

Daß stets das Kind die finstern Eltern zeugt:

 

Dies sind wir alle, Gift in unsern Adern,

Im Haupte Trug, im herzen krankes Hadern.

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Im Frühlicht

* vor 1870

Lisch aus die Lampe, Schatte unter Schatten!

Wer spricht das Rätselwort des Daseins aus?

Der Morgen naht auf goldgeblümten Matten

Und fragend tritt die Pflicht ins helle Haus.

 

Was soll des Zweifels tiefgefurchte Blässe?

Des Grames Zirkel, der den Blick umringt?

Den Hammer schwinge hoch an loher Esse,

Der dir ein Lied von Glück und Freiheit singt.

 

Die Nacht erklingt vom Werdesang der Geister,

Es prägt der Tag das Schicksal in Gestalt.

Die Woge trägt, sei dir die Helle Meister;

Sie töne dir von eigenstem Gehalt

 

Und forme dir, beseelt vom Ungewissen,

Den Traum der Welt zu tätigem Genießen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Lindes Leid

* vor 1870

Ist Leid und Lust so strenge denn geschieden,

Wie Lieb’ und Haß, Tag, Nacht, wie Pflug und Schwert?

Es glättet sich der Gram zu tiefem Frieden,

Wie sich der Wassersturz zum Weiher klärt.

 

Die Freude wirft die Münzen in die Menge,

Der Gram vertraut dir eines Schiffbruchs Gut.

O wüßtest du, entfremdet dem Gedränge

Wie sich’s am Saume stiller Haine ruht!

 

Der Wipfel Hauch, des Himmels reine Blicke,

Sie lindern meiner Wehmut Überschwang;

Zu Wolken wandeln sich der Welt Geschicke

Und perlend schmilzt des Busens Tränendrang

 

Und süße Schauer webend in die Klarheit

Besucht die Göttin mich, die scheue wahrheit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Das tröstende Lied

* vor 1870

Du Sommerschwalbe an des Kerkers Gitter,

Du Wehenkind, geschmiegt zur Zeugerbrust:

Bangt dir, o Lied, vor nahem Ungewitter?

Suchst du der warmen Küsse Segenslust?

 

Du bringst die Blume, die dein Glück gefunden

Am stillen Waldsaum, duftend, taugetränkt.

Was soll der Lorbeer, der, dem Neid entwunden,

Sich spät auf wehdurchpochte Schläfen senkt?

 

Mag graues Haar den Scheitel mir umwallen,

Du bleibst so jung wie Lenz und Sonnenlicht.

Mag dieser morsche Bau in Trümmer fallen,

Wenn deine Schwinge sich in Äther flicht.

 

Du trägst mein Herz, du rettest die Gedanken,

Wenn diese Glieder längst in Staub versanken.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Resignation

* vor 1870

Das Meer des Kampfs, die Wüste der Betrachtung

Hat mich gebräunt, die Woge mich getauft.

Der Sturmbraut Freier auf dem Boot Verachtung

Trotzt’ ich der Wüt, die schäumend Segel rauft.

 

Ich zog geblendet durch der Öde Feier;

Die Trugfee äffte meines Gaumens Brand,

Des Zweifels Samum zog dem Himmel Schleier,

Bis ich verschmachtend mich im Staube wand.

 

Lebt wohl, der Stürme Heimat, Luftphantome;

Der dunklen Erde hab’ ich mich vermählt.

Ich netze Blumen aus dem milden Strome,

Des Grabes Schmuck, der meine Fahrt erzählt.

 

O Nachtigall, besuche die Zypresse

Und lehre Müde, wie man süß vergesse.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          An die Zeit

* vor 1870

Was hilft das Glück, wenn sich die Pendel wiegen

Und Uhren emsig fügen Rad in Rad?

Metall der Stunde, hast du je geschwiegen?

Was hemmte je der grimmen Sense Mahd?

 

Des herzens Feder muß dereinst erschlaffen;

Des Triebes Werk wird ächzend krank und alt;

Ein dumpfer Schlag – und aus Genuß und schaffen,

Und stockende Gewichte melden Halt.

 

O Mumie des Glücks! O Liebesasche!

Gibt es für Sarg und Urne Frühlingswehn?

Trennst du, o Zeit, erneuernd Masch’ um Masche,

Penelope des Schicksals, anzuflehn?

 

Dann webe wieder mir hinein die Stunden,

Die Ewigkeiten Brust an Brust empfunden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Der Trank des Himmels

* vor 1870

Was ist die Seligkeit? Ein Sonnenfriede,

Der Weihe gießt auf Macht und Wohlgestalt;

Die Harmonie im hohen Sphärenliede,

Die aus geklärten Herzen widerhallt.

 

O Nektar tafelfroher Götterwonne!

Was ist der Trank, den uns die Erde stürzt?

Ein trüb Gemisch, geschöpft aus tiefer Tonne

Des Leides, die ein Krug der Lust gewürzt.

 

Sein Taumel Wahnsinn, Reue seine Hefe:

Mänaden und Lemuren wild im Tanz.

So zecht denn zu, bis an der heißen Schläfe

Zu edlem Moder fault der Torenkranz.

 

Mich aber dürstet nach kristallner Klarheit,

Nach einem Lauterborn der Lieb’ und Wahrheit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Das Urbild der Seele

* vor 1870

Dem Himmel ward dein erstes selbst entnommen,

Dem süßen Rausche, wenn der Nektar kreist.

Durch goldne Wolken kam’s herangeschwommen,

Ein stürmisch Herz, ein maienfrischer Geist.

 

Erkennst du dich im grauen Staube wieder,

Auf rauhem Pfad, an schwindeltiefem Rand?

Wo ist der Seele schwellendes Gefieder?

Wo ist des Äthers leichtes Dunstgewand?

 

Den Sternen nah, der grausen Tiefe näher,

Blickst du hinab, hinauf, der Hoffnung bar.

Das hohen Ursprungs muterfüllter Seher

Gedenke dessen, der dein Ahne war.

 

Er ist dir nah, bald ist der Kreis geschlossen,

Reicht dir die Hand und ist in Licht zerflossen.